• Clara & Max

Übers Wochenende nach Tschetschenien, ja warum auch nicht?

Aktualisiert: 21. Dez 2019

Die Einreise nach Kasachstan war problemlos, nur den jungen Zöllner musste ich mehrfach davon abhalten sich Jonas Armbanduhr selbst als Geschenk zu machen. Alles, was er in die Finger bekam und in eine seiner Jackentaschen passte wollte er in eben diesen verschwinden lassen. Die Begründung, dass es nicht meins sei taugte ihm jedes Mal und er hängte oder legte alles ordentlich zurück. Um Ihm zumindest einen kleinen Triumph davontragen zu lassen, ließ ich einen kleinen Roll-on mit ätherischen Ölen gegen Mückenstiche in seinen Besitz übergehen. Abrupt war die Kontrolle beendet und wir durfte einreisen. Ich hatte zu diesem Moment nicht bedacht, dass unser lieb gewonnener Bite-Away sich auf und davon gemacht hatte und wir nun nichts mehr gegen juckende Mückenstiche im Petto hatten. Dafür hatten wir einen netten Ohrwurm hinzugewonnen. Dieser klingt in etwa so „es ist vorbei, bei, bye, Bite-Away…“.


Nachtrag Usbekischer Schwarzmarktdiesel

In Kasachstan ist eine Haftpflicht für das Auto im Gegensatz zu Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan Vorschrift. Diese kann normalerweise in Büros direkt an der Grenze erstanden werden. Im Normalfall, nur hier nicht. Die Beamten versicherten uns, dass wir diese in Beyneu abschließen sollten, dies ist die nächste Stadt und etwa 80 Kilometer entfernt. Ich hatte schon eine Vorahnung was da auf und zukommen würde. Kurz vor Sonnenuntergang und Ladenschluss der Versicherung passierten wir das Ortsschild nach Beyneu und träumten schon vom Abendessen. 100 Meter weiter wurden wir, von der schon früher erwarteten Polizeistreife gestoppt. Der Bad Cop des Polleistentrios wusste sofort wonach er fragen musste und grinste sich eins als ich ihm erklärte, dass es nicht möglich ist an der Grenze eine Police zu erwerben und wir auf direktem Wege ins Büro der Versicherungsgesellschaft sind. Während er versuchte mir einzureden, dass wir mit einer Strafe von über 500 € rechnen müssen, knabberte Clara mit seinem gutgelaunten Good Cop Kollegen Sonnenblumenkerne.

Wir diskutierten und diskutierten.

Nach einer zähen halben Stunde einigten wir uns auf eine Prämie zur Belohnung seiner Integrität und gut funktionieren Antikorruptionspolitik. Er löschte den Verlauf meines Übersetzers und 10 Dollar sowie 15 € in kleinen unmarkierten Scheinen wechselten den Besitzer. Viel zu viel aber wir mussten weiter sonst würden wir auch noch den halben Folgetag in diesem gottverlassenen Nest verlieren, weil wir den gesamten Vormittag mit der Versicherung beschäftigt wären. Diese durfte nun gleich Überstunden machen, denn sie nahm nicht wie versprochen Visa und so mussten wir erst zum Automaten. Die Mitarbeiter waren zwar nicht sonderlich erfreut aber selbst schuld 😊

Als wäre es noch nicht genug Theater für einen Tag, gab es auch hier keinen Diesel und wir mussten an der Tanke starke zwei Stunden warten bis der Diesellaster kam, um deren Tanks zu füllen. Im Dunkeln suchten wir uns leicht genervt ein lauschiges Plätzchen zum Übernachten außerhalb der Stadt. Am nächsten Morgen war der Stress wie weggefegt, denn es kam uns ein kleiner Fuchs besuchen. So schnell wie er gekommen war, entschwand er auch wieder, kann auch an meiner Einladung zum Frühstück gelegen haben, woher sollten wir denn wissen, dass er keine Nudeln mag? Im Eiltempo flitzte er in Richtung Schnellstraße. Wir hoffen es hat dich nicht erwischt kleiner roter Freund.


Wakeup Fox

Beim Aufladen der SIM Karte in einem heruntergekommenen Magazin, bekamen wir eine kleine Modern Talking Einlage der Chefin die, als sie erfuhr, dass wir Deutsche sind zuerst von einem Thomas Anders Konzert und der unsterblichen Liebe zu ihm berichtete und dann zum Singen ansetzte, welches Lied es genau war konnten wir allerdings nicht erkennen, da wir schleunigst das Weite suchten bevor ein angesoffener Kasache uns erreichte. Nur der Vermieter unserer Wohnung in Atyrau meldete sich nicht, die Ortsangabe bei Booking stimmte auch nicht und so suchten wir über eine Stunde bis wir endlich anhand von Bildern den richtigen Block gefunden hatten. Die Eingangstüre zum Wohnblock stand offen und so klopfte ich schließlich an die gemietete Wohnungstüre. Auf machte ein Spanier, der sich hier für einige Tage eingemietet hatte. Ich wünschte noch einen schönen Aufenthalt und konnte zumindest noch die Nummer des Vermieters abstauben. Da dieser weder auf Nachrichten noch Anrufe reagierte gingen wir erstmal etwas Essen und drei Stunden nach geplantem Check-In konnten wir dann eine ähnliche Wohnung vom gleichen Vermieter beziehen. Ein nettes Apartment im achthöchsten Gebäude der Stadt, wen interessiert das fragten wir uns? Er erwähnte es aber immer und immer wieder. Vermutlich wunderte er sich auch noch warum wir nicht vor Ehrfurcht vor dem achten Stock und dem achthöchsten Gebäude erblassten.

Der Schließmechanismus der Badezimmertüre war schon von Anfang an etwas schwergängig, leidtragender dieser Tatsache war Jonas, welcher nur kurz für kleine Königstiger wollte und nicht einmal sein Handy mitnahm. Dumm gelaufen 😊 denn die Türe ging nun genau noch einmal zu und Jonas saß fest. Ein nicht allzu beherzter Griff zur Türklinge meinerseits sorgte dafür, dass ich diese in der Hand hielt. Leider irreparabel, denn ein kleiner aber wichtiger Teil war abgebrochen, upsi. Naja, war ja quasi ein Notfall. Ich holte die Werkzeugkiste aus dem Auto und wir versuchten von außen und innen die Türe zu entriegeln. Erfolglos. Nachdem alle Beschläge abmontiert waren und die Verriegelung immer noch klemmte wurde uns langsam bewusst, dass wir die Tür nicht aufbekommen, ohne etwas kaputtzumachen. Wir riefen den Vermieter an. Dieser kam mit Sohnemann vorbei und hebelte ebenfalls erfolglos an der Türe herum. Ein zusätzlich herbeigerufener Zimmermann erschien kurze Zeit später mit seinem Werkzeugkoffer. Diesen hatte er, der Größe nach zu urteilen, in der Eile seinem Sohn aus der Legokiste geklaut. Mit Fasenprüfer und einer Minizange bewaffnet stand er ratlos und wie im falschen Film vor der verschlossenen Türe. Den Hinweis die Türe aufhebeln zu können und es dann vermutlich mit einem neuen Schloss und etwas Farbe getan wäre ignorierte er gekonnt und fing an mit unserem Werkzeug den Türrahmen aufzustemmen. Natürlich großflächig und irreparabel. Naja, nicht unser Bier. Nach Guten eineinhalb Stunden war Jonas wieder frei und wurde freudig mit einem eisgekühlten und gehopften Malzgetränk empfangen. Ebenso freudig bedankten wir uns bei seinen Rettern, allerdings ohne Bier, nur mit Worten. Die Freude war recht einseitig, denn die Türe war hin. Kurz überlegte ich noch Ihnen die Weisheit „wer billig kauft, kauft zweimal“ mit auf den Weg zu geben, entschied mich nach einem weniger freundlich gesonnen Blick des Vaters aber dagegen. Von nun an wurde die Türe mit Expandern an der Heizung im Bad verschlossen.

Von der Grenze bis hier nach Atyrau waren es hervorragende Straßen. Vermieter Junior teilte uns, zu unserer Freude noch mit, dass wir für die fast 300 Kilometer bis zur russischen Grenze zwölf Stunden benötigen werde. Mit entsprechender Vorfreude starteten wir in einen weiteren Höllentrip. Nach einer frostigen Übernachtung in der Steppe und einer unnötigen Polizeikontrolle wegen nicht angeschaltetem Licht, bei welcher mir fast der Kragen platzte, kamen wir zeitig an der Grenze an.


Kasachische Wildpferde vor dem Fenster

Die Ausreise aus Kasachstan wie auch die Einreise nach Russland lief ohne Probleme. Für die 700 Kilometer Transit hatten wir ein Dreitagesvisum bekommen, also gingen wir es recht ruhig an. Das Kaspische Meer zur Linken aber leider nicht sichtbar fuhren wir in Richtung Georgien.


Russische Baustellenromantik

Je weiter wir Richtung Süden fuhren, desto mehr Straßenkontrollen durften wir passieren. Anfangs nur mir woher? Wohin? Ok Ciao. Diese Kontrollen wurden immer intensiver und wir mussten, ohne eine Grenze zu überfahren zu Pass- und Gepäckkontrollen. Die Bewaffnung wurde ebenfalls immer schwerer.

Anfangs schien ein einfacher Schlagstock noch zu reichen, dieser wich aber schnell Pistolen und Kalaschnikows. Gepanzerte Fahrzeuge mit Großkälbern auf dem Dach parkten startbereit an jeder Kontrollstelle. Wir wunderten uns noch was hier eigentlich los ist, fanden aber keine Antwort.

Beim Abbiegen wurden wir von zwei schwerbewaffneten Bartträgern gestoppt. Die roten Bärte sahen sonderbar aus. Nachdem die Pässe geprüft waren und wir versicherten am Folgetag nach Georgien auszureisen, da wir sonst ins Gefängnis müssen, wie er uns sagte, durften wir weiterfahren. Während Clara das Fenster hochkurbelte hörte ich noch „welcome to tchetchenia“

WIE BITTE?

Natürlich haben wir sofort die Karte gecheckt und tatsächlich, wir waren in Tschetschenien. Viel wussten wir zwar nicht darüber, außer dass hier Krieg war und die Tschetschenen nicht sonderlich zimperlich sind und zusätzlich gewaltig einen am Helm haben. Diese Bärte machten mir echt zu schaffen. Alle haben denselben seltsamen Bart und Camouflage ist entweder der feine Zwirn oder alle sind bei einer Art Militär. Nach einigen weiteren Kontrollen erreichten wir die Hauptstadt Grosny und steuerten einen Supermarkt an. Diesem Markt wurde ich direkt wieder verwiesen, weil ich eine kurze Hose trug. Meine Rückfrage was für eine bescheuerte Regelung das sein sollte verstand der etwas debil wirkende Aufpasser nicht. Wohl zu meinem Glück.



Tschetschenischer Morgen

Da alles und im Speziellen die Barträger ziemlich creepy daherkamen, taten wir uns bei der Schlafplatzsuche etwas schwer und fanden nach über einer Stunde endlich ein einigermaßen nebliges und ruhiges Fleckchen zwischen ein paar Feldern. Ich hatte zufälligerweise und unabhängig von unserem Kurztrip hier her einen Bericht über Exiltschetschenen in Deutschland heruntergeladen.

Wenn ich diesen nicht angehört hätte, hätte ich mit ziemlicher Sicherheit besser geschlafen. Was dort abging und immer noch abgeht, ist mit einem demokratischen und humanistischen Weltbild nicht nachzuvollziehen. Umso froher war ich als wir am nächsten Morgen wieder auf der Hauptstraße waren und weder von Ramsan Kadyrows Privatarmee noch von irgendwelchen fundamentalistischen Spinnern genervt wurden. Den andern zwei erzählte ich hier lieber nichts davon 😊

Um ein „paar“ Cent zu sparen füllten wir die Ersatzkanister und Bobbys halbleeren Tank nochmal mit russischem Diesel und fuhren in Richtung der georgischen Berge.

Keine halbe Stunde nach dem Tanken begann Bobby deutlich Leistung zu verlieren. und wir befürchteten das Sergejs Reparatur nur bis hier her gereicht hat. Da wir wegen dem ablaufenden Visum zwingend heute ausreisen mussten tuckerten wir im Schneckentempo an kilometerlangen LKW Schlangen vorbei bis zur Grenze.

Die Ausreise war unkompliziert und schnell erledigt, also quälten wir unseren treuen Begleiter weiter bergauf zum georgischen Posten.

Wie es uns in Georgien erging erzählen wir im nächsten Beitrag.


Liebe Grüße


Clara & Max

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