• Clara & Max

Duschanbe, Visaangelegenheiten und Melonenschmuggel

Wir hatten uns während der letzten Wochen entschieden unsere Route etwas zu ändern und strichen Turkmenistan von der Liste. Einerseits schade, da Derweze mit den Gates to Hell sicherlich ein Spektakel gewesen wäre, andererseits war es uns den Aufwand und die Kosten schlicht nicht wert. Über 400 USD für die Einfuhr unseres Autos, nur ein Transit Visum, ein GPS-Tracker zur Überwachung unserer Route und ein nicht existierender Fahrplan der schrottreifen Frachter über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan und die dadurch fast unumgehbare Überziehung des Visums mit den verbundenen Repressalien rundeten die Vorzüge des Kurzurlaubs im Wüstenstaat ab. Eine Abfahrt alle 1-5 Tage je nach Ladevolumen und Wetter, dazu eine Fahrzeitangabe von 8-32 Std. und Kosten zwischen 150 und 800 € luden uns förmlich ein alles direkt zu verwerfen und ein zweites Mal nach Kasachstan zu fahren. Die Recherche ergab allerdings, dass die Fähren von Aktau in Kasachstan ähnlich rostig sind und auch fahren wie sie launig sind, oder eben auch nicht, so genau scheint, dass nicht einmal der Kapitän dieser schwimmenden rostbraunen Särge zu wissen. Dies heißt im Umkehrschluss, wir müssen nochmal nach Russland um über den Landweg nach Georgien zu gelangen. Mit vorausgefüllten Visaanträgen und allem notwendigen bewaffnet standen wir pünktlich um 14:30 Uhr vor der russischen Botschaft in Duschanbe. Sprechzeit von 14:30-15:00 Uhr. Andere Wartende standen auch schon vor dem verschlossenen Tor oder drückten sich, Schutz vor der Sonne suchend unter ein nahegelegenes Dach. Nachdem wir bereits eine Viertelstunde anstanden und wir mit Händen und Füßen versuchten uns mit den anderen Wartenden zu verständigen, welche immer sagten wartet, wartet oder wartet. Dann entdeckten wir den Klingelknopf. Nach einer Sekunde warten und erklären, dass wir ein Visum wollen, öffnete sich wie von Geisterhand das Tor und wir durften uns durch das stockende Drehkreuz schieben. Der Pförtner hatte uns wohl die ganze Zeit durch seine verspiegelten Scheiben seines vorgelagerten Gewächshäuschens beobachten und sicher auch hören können. Seine State of the Art Schaltzentrale zur Regelung des Verkehrs war ein, vermutlich schon im Kalten Krieg ausgemustertes Display mit Leuchtdioden in Größe eines Daumennagels und einem massiven schon stark in Mitleidenschaft gezogener Lichtschalter zum Bedienen des immerhin automatischen Tores. Nachdem wir unsere Handys und Personalien abgegeben hatten durften wir tatsächlich rein und hatten sofort tiefes Mitgefühl mit Julien Assange. Denn Innen erwartete uns ein nicht weniger heruntergekommenes dafür bei der Ersteinrichtung schon veraltetes Mobiliar in braun und grün. Naja sind ja nicht zum Wohnen hier, dumm gelaufen Julien! Das Vorsprechen war nach ungefähr fünf Minuten zu Ende und wir durften unsere Anträge nochmals ausdrucken und um die Punkte Point of Entry und Exit ergänzen. Die Städte standen schon davor auf dem Antrag, lediglich diese Information machte es notwendig alles nochmal auszudrucken. Der Copyshop war auch nur fast 2 Kilometer entfernt und dank Baustelle nur zu Fuß zu erreichen. Der Konsul oder Kalif der Botschaft versicherte uns, dass er uns auch nach Ende der Sprechzeit noch empfangen würden und wir die Visa bis Freitagmorgen erhalten, wenn wir heute noch die Anträge wiederbringen und die 35 € Gebühr berappen. Auf ein Neues. Als wir dann mit den geänderten Unterlagen wiederkamen, blieb das Tor trotz dauerjaulender Klingel geschlossen. Eine ebenfalls wartende Tadschike sagte uns nach einem Telefonat mit deren Hotline, dass die Botschaft nun geschlossen wäre, weil sie heute eigentlich um 17:00 Uhr zu machen aber jetzt nochmal öffnen. Nach weiteren 30 Minuten warten durften wir wieder rein. Dieses Mal schien alles zu stimmen. Die Gebühr hatten wir in Euro und zur Sicherheit auch in Dollar dabei. Dumm nur, dass eine garstige Kassiererin, welche obwohl oder vielleicht auch gerade, weil sie Geburtstag hatte, es hingen eine ganze Batterie Happy Birthday Ballons in Ihrem 3 Quadratmeter Kabuff, uns mitteilte, dass wir nur in Somoni zahlen können und wir nun exakt 10 Minuten bekommen, um diese zu besorgen bevor sie schließen. Dieses Ultimatum beinhaltete natürlich auch am Pförtner vorbeizukommen und ein funktionierender Bankomat zu finden, zweiteres ist in Zentralasien gar nicht so einfach. Ein Funken Hoffnung kam auf, als der hektische Konsul beschwichtigend sagte „ihr könnt aber auch morgen zahlen, die Anträge lassen wir einfach hier“. Dieser Hoffnungsschimmer wurde aber direkt wieder zunichtegemacht, denn er fügte noch hinzu „dann bekommt Ihr Eure Pässe allerdings erst am Montag“. Na, bzw. Nein Danke! Also sind wir gerannt, mit Birkenstock durch eine Großbaustelle, durch Vorgärten und Hinterhöfe. In einem Verschlag stand nun der verzweifelt gesuchte Automat und nahm keine unserer Karten. Ein Glück war Jonas dabei, denn seine Karte funktionierte und so kamen wir völlig außer Atem zurück zur Botschaft, bezahlten unsere Visa und entließen die, wegen den Überstunden sichtlich genervten Beamten schließlich in den Feierabend. Ein hasserfülltes "sit down and wait for receipt" konnte sich das Geburtstagskind allerdings nicht verkneifen, als ich freudestrahlend mit dem Geld vor Ihrem Fenster wedelte.

Wir hatten uns ein Apartment gemietet und so verbrachten wir die nächsten Tage mit dem Waschen unserer Klamotten und erholten uns von der Rüttelei der letzten Tage. Der Staub war bis in die letzte, aber wirklich allerletzte Ritze vorgedrungen. Auch Bobby wurde im Autospa abgegeben, denn auf dem Armaturenbrett konnte man Kurznachrichten im Staub hinterlassen und das Abschlecken der eigenen Lippen während dem Essen sorgte auch nach einer ausgiebigen Dusche für den gewissen Crunch.

Papa Herrmann konnte es nicht auf sich sitzen lassen, dass wir Pizza und Burger und nicht lokal aßen und lud uns in Abwesenheit zu einem vorzüglichen Mal, im allerdings ukrainischen Restaurant, ein. Gut gestärkt unterstützen wir mit fundierten Fachkenntnissen drei Tadschiken bei Ihrer nächtlichen Autoreparatur vor der russischen Botschaft, wo wir unsere letzte Nacht verbrachten um pünktlich um 9 Uhr die fertigen Visa abzuholen. Es war ein Mercedes und als echter Schwabe weiß man was zu tun ist. Die Tatsache, dass sich bei solch einer fachkundigen Umrüstung des Silberpfeils auf Gas, einem eingefleischten TÜV-Süd Prüfer die Zehennägel aufgerollt hätten während er Zitternd in Fötus Haltung dem Schocktot erlegen wäre, schien die drei Spezialisten nicht zu stören und sie hämmerten mit dem, von uns geborgten Werkzeug, in der Russenhocke auf dem Motorblock sitzend, nach und nach alle Schellen und Schläuche ab. Da der letzte freie Platz auf dem Kühler auch eingenommen wurde, zogen wir uns in den Bus zurück. Den ein oder anderen leisen Fluch im Ohr schliefen wir unweit des Schauplatzes ein. Am morgen war das Auto verschwunden.

Mit dem Visum in der Tasche und einem Lächeln der freundlichen Kassiererin im Gepäck fuhren wir Richtung Iskanderkul. Ein türkisblauer See auf etwas über 2000 Meter. Wir wollten Wandern gehen, mit allem Drum und Dran. Lagerfeuer, Marshmallows, Sternschnuppen, Schlafen im Zelt, von der Sonne geweckt werden, wenn diese durch das Fliegengitter scheint, … Kurzum als wir ankamen hat es geregnet. Das war er, dieser eine Moment in denen Jonas fast seine, extra für solche Anlässe gekauften Wanderschuhe hätte nutzen können. Schade, ein Andermal!


Über die von Innovative Road Solutions betriebenen und Ihrem Betreiber alle Ehre machenden schäbigsten Mautstraßen und aufgrund fehlender Abluft pechschwarzen und versmogten Tunnel fuhren wir Richtung usbekische Grenze. Mit jedem Meter wurde ich etwas nervöser denn wir haben eine Drohne im Gepäck. Das man nicht überall fliegen darf sehen wir ja alle ein aber nicht Einführen? Die Erzählungen von der Kontrolle der beiden Nordlichter, welche 17 Stunden an er Grenze warteten und alle Autos komplett zerlegt wurden machten uns Mut. Bisher waren die Zollkontrollen alle in weniger als 5 Minuten erledigt gewesen. Die Versuche das teure Spielzeug per DHL nach Kasachstan oder Georgien zu schicken wurden zunichtegemacht, da Tadschikistan alle Transportunternehmen des Landes verwiesen hat. Die eigene Post ist zudem laut der Aussage eines Spediteurs nicht zu gebrauchten, da alles aufgerissen und wenn es nur wertvoll aussieht geklaut wird. Warum diese Unternehmen verbannt wurden ist nicht klar, im Internet fand ich aber eine nette Anekdote zu willkürlicher Ausweisung. ->Tadschikistan hatte vorübergehend auch Facebook gesperrt. Nach einigen Protesten solle der verantwortliche folgendes geäußert haben: „Hat dieses Facebook keinen Chef? Wenn allen so viel daran liegt, dass Facebook verfügbar ist, möge dieser Chef doch bitte zu seinen Bürosprechzeiten nach Duschanbe kommen und mit Ihm verhandeln. Falls der Chef keine Zeit hätte, würde er auch den Assistenten empfangen.“ Facebook läuft aktuell wieder, ergo war Zuckerberg, eine Mischung aus Echsenmensch und Cyborg, wohl hier um die Sperre aufzuheben. Gleiches könnten die Leiter (m/w/d) von DHL UPS und FedEx nun ja auch mal versuchen!

Unzählige Blogs erzählten von mittelalterlichen Methoden an der Grenze, einige sprachen etwa von Vierteilen oder mit brachialer Gewalt abgetrennten Armen. Wohlgemerkt der Drohne nicht dem Besitzer. Wieder andere erzählten von sofort aufkommenden Spionagevorwürfen und stundenlangen Verhören mit anschließender Zerstörung des Fluggeräts. Je mehr ich las desto schlimmer wurde es. Ab November soll auch noch eine neue verschärfte Gesetzgebung für die illegale Einfuhr von Drohnen in Kraft treten. Aktuell kann alles, aber es muss nichts passieren. Nur eine Verweigerung der Einreise wäre doof, denn das tadschikische Visum wäre weg. Also zurück is nich!

Wir diskutierten Tage lang, was wir machen sollten und wo oder ob wir sie überhaupt verstecken sollten. Am liebsten wäre ich gar nicht weitergefahren. Ein Glück war ich Beifahrer und hatte nichts zu melden. Auf dem Weg zum Schafott kamen wir noch an Istarvasan vorbei wo Google uns konsequent am Ziel vorbei in eine Sackgasse lenkte. Als wie die angesteuerte Moschee dann erreichten bekamen wir eine private Führung auf das etwas baufällige Dach. Als Dank dafür kauften wir eine sicherlich echte Silberkette.



Die Straßen, falls man diese Gassen so nennen kann, waren mehr als abenteuerlich. Nächstes Ziel war die Burg, deren Mauern man schon etwas erhaben über der Stadt thronen sieht. Dort angekommen war ein enormer Andrang und Aufruhr, welchen wir absolut nicht verstanden. Wir wollten ja nur mal reingucken. Alle hatten Tickets, wir den Touri Bonus und der Oberoffizier winkte uns ohne Ticket an der Schlange vorbei in den Burghof. Innerhalb der Mauer wirkte es dann aber gar nicht mehr wie 1001 Nacht, es plärrte uns gräußliche, einheimisch klingende Popmusik entgegen. In einem fast leeren Amphitheater trällerte ein tadschikischer Sänger vor einem 10x20Meter Plakat des Präsidenten, wie er winkend durch eine Blumenwiese läuft, eine Schnulze nach der Andern. Während sich die Reihen langsam füllten, füllte sich auch der Rang hinter uns mit Militärs. Die Veranstalter schienen genauso wenig zu verstehen, was wir hier wollten wie wir selbst und rechneten vermutlich mit dem Schlimmsten. Da noch so wenig los war, gingen wir davon aus, dass die herzzerreißende Hingabe im Zentrum des Spektakels lediglich die Vorband sein muss. Also harrten wir die vollen zwanzig Minuten, bis zur vollen Stunde aus um den Hauptakteur noch live erleben zu dürfen. Wir sollten zwar recht behalten und um Punkt Vier war die Show vorbei und ein pomadiger usbekischer Elvisverschnitt kam auf die Bühne gesprungen. Sein gejaule hatten wir allerdings nur wenige Minuten ertragen können und machten uns schleunigst auf die Socken. Am Ausgang war in der Zwischenzeit ein kleiner Tumult entstanden da die Sicherheitsleute die Gäste, wie es aussah auf Weisung des Veranstalters, nicht nach draußen lassen wollten. Uns ließen sie allerdings problemlos passieren und so endete der Usbek-Tadjik- Soundclash für uns zum Glück noch, ohne schwerere Folgeschäden davonzutragen.


So fuhren wir mit einer frisch erworbenen Minimelone und der, mit ordentlich Schmiergeld präparierten und hinter dem Nudelvorrat versteckten Drohnentasche Richtung Grenze und vergasen alles darüber, da wir davon ausgingen, dass die Unwissenheit uns vor der möglichen Strafe schützt.

Aus Tadschikistan raus war ein Kinderspiel und in unter einer halben Stunde erledigt.

Wie es uns an der Grenze erging und ob wir wegen Schmuggel im usbekischen Baumwollgulag blaue Kacheln für die baufälligen Moscheen bemalen mussten erfahrt Ihr im nächsten Beitrag.


Liebe Grüße Clara, Jonas und Max

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