• Clara & Max

Im Auge des Coronavirus


Bei einem Nachtflug 2009 nach Neuseeland dacht ich es würde die Sonne am Horizont aufgehen, aber je weiter wir flogen, desto klarer wurde mir, dass dies nicht die Sonne ist. Ein Blick auf die Karte bestätigte den Verdacht! Peking! Ich war so beeindruckt von dieser unvorstellbaren Größe, dass ich das unbedingt einmal live erleben wollte. 2013 war es dann soweit und ich wurde schwer enttäuscht, denn was aus der Luft unheimlich beinduckend und mächtig wirkte, war vor Ort einfach nur weitläufig, dreckig und der Verkehr eine Qual, egal wohin man wollte.


Nun sieben Jahre später auf ein Neues!

In die Volksrepublik eingereist sind wir schon bei unserer Zwischenlandung im eiskalten Guangzhou, also war am Flughafen Peking alles schnell erledigt. Schnell erledigt war auch die erste Bargeldabhebung mit unserer Kreditkarte. Diese haben wir, wie wir Tags darauf merkten wohl im Automaten stecken gelassen.


Aber alles der Reihe nach, wir waren in Begriff Claras Cousine mit Mann und Kindern zu besuchen. Ich kannte niemand davon, Clara beteuerte mehrfach, dass ich sie mögen würde und sie sollte recht behalten. Bei unserer Ankunft mit dem Taxi wurden wir schon erwartet, denn Emmi und Martin standen in der Kälte vor dem Eingang, während die drei Kids Mio (6), Zoe (4) und Mats (2) mit blinkenden Kickboards über den Vorplatz des Gebäudekomplexes düsten.

Die anfängliche Scheu der kleinen war schnell verflogen und so waren wir noch nicht einmal richtig angekommen, schon waren wir Klettergerüst, Vorleser und Spielpartner in einem.



Das chinesische Essen war eine Wohltat, da uns Nepals Spezialitäten oder besser gesagt Reis und Linsen mittlerweile zu den Ohren herauskamen. Hinzu kam noch die geheizte Wohnung und eine richtige Dusche, in einem richtigen Bad. Alles zusammen fühlte sich nach zwei Monaten in Nepal einfach traumhaft und luxuriös an.


Nachdem wir am ersten Tag mit Mio seinen Kindergeburtstag feierten machten wir uns, am nun zweiten Tag in Peking, das erste Mal auf die Stadt zu erkunden. Der Verkehr war dank der, wegen chinesisch Neujahr ausgeflogenen Einwohner wirklich entspannt und so besuchten wir in aller Ruhe die Verbotene Stadt, den dahinterliegenden Kohlehügel und einige Hutons. Hutons sind die grauen gemauerten einstöckigen Siedlungen der Arbeiterklasse, die teils restauriert und wahnsinnig überlaufen oder abseits der Massen auch wirkliche Einblicke in das Leben der Millionenmetropole geben.



Auf einem Teilweise zugefrorenem See tummelten sich hunderte Chinesen mit uns unbekannten Gefährten. Eisfahrräder, Schlitten und andere unverständliche Dinger sorgten für mächtig Spaß.



Nachdem wir wegen der verlorengegangenen Kreditkarte schon mehrere Stunden erfolglos mit der chinesischen Bank telefoniert hatten entschlossen wir uns zum Flughafen zu fahren und zu schauen was Sache ist. Im Fundbüro war nichts also machten wir uns auf zur Bank im anderen Terminal, Transferzeit von T2 zu T3 waren nur knappe 20 Minuten, sind wohl einfach andere Dimensionen als in Stuttgart. 16:55 Uhr huschten wir gerade noch so in die Bank und zogen eine Nummer. Andere Touristen wurden gebeten kurz mal nach draußen zu gehen und zack war das Rolltor zu und wir in der Bank. Mit Händen und Füßen erklärten wir, dass sie doch bitte das Video des Automaten sichten sollen damit wir sicher sein können das die Karte (nicht) eingezogen wurde. Dies wurde zunächst abgelehnt und wir wurden darum gebeten zu warten. Keinen Meter rechts von uns stand eine Angestellte und unterhielt sich mit dem Manager der Bank, als ob es das normalste der Welt wäre fing sie völlig ungeniert an laut zu furzen und redete einfach weiter. Die Situation nicht fassen könnend, überzeugten wir doch noch die gute Frau am Tresen die Bänder zu sichten. Heraus kam, dass ein asiatisch aussehender Herr mit Brille mittleren Alters die Karte eingesteckt hat. Gut, so können wir ungefähr 11 Millionen Pekingerinnen ausschließen, blieben nur noch die 11 Millionen Pekinger. Die Karte können wir wohl vergessen.


Und plötzlich war er da, Corona. Unsere Pläne ganz schön durchkreuzend war plötzlich Alarmstufe Rot. Die Medien, zumindest in Deutschland flippten komplett aus. Vor Ort bekamen wir es nur mit, da alle Atemschutzmasken entweder ausverkauft oder zum fast 100-fachen Preis verkauft wurden. Niemand ging mehr ohne Maske aus dem Haus. Die Straßen waren noch leerer als die Tage zuvor. In der fast Menschenleeren U-Bahn wurde bei allen Fahrgästen Fieber gemessen und Peking für Überregionalen Verkehr nahezu abgeriegelt.





So verbrachten wir die Tage hauptsächlich im Haus und spielten mit den Kindern oder nutzen die Möglichkeit eine richtige Küche zu nutzen und kochten was das Zeug hielt. Endlich konnte ich auch die zwei Dosen Filderkraut, welches uns meine Schwester vor der Abreise geschenkt hatte, verkochen. So schlemmten wir Gulasch mit Knödel und Rotkraut, Spätzle mit Soß und Zwiebelkuchen.


In Peking ging dank Virus leider nichts mehr und so planten wir nur noch einen Ausflug zur Chinesischen Mauer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Da wir im Winter dort waren, über Chinese New Year und während des Coronavirus machte das die Planung nicht leichter und so ließen wir uns fast schon überreden noch ein paar Tage in Peking dranzuhängen und mit Martins neuem GLE einen Familienausflug zu machen. Shanghai kann warten, besonders bei dieser Kälte und der Empfehlung nicht auf die Straße zu gehen ist es in einer geräumigen von Daimler finanzierten Wohnung etwas angenehmer als im Hostel mit geteiltem Badezimmer in Shanghai.

Also alles umgebucht und ins Auto gestiegen.

Wir hatten uns einen recht ursprünglichen aber ohne Auto schlecht erreichbaren, dafür sehr schönen Mauerabschnitt ausgesucht. An der Bezirksgrenze Pekings wurden wir von in Seuchenanzügen gekleideten Männchen kontrolliert, ein wirklich komisches Gefühl, wenn sie hinter Ihren Brillen und Masken mit dem Lasermessgerät deine Temperatur messen. Nach knapp zwei Stunden, waren wir fast da. Doof nur; dass alle offiziellen Abschnitte gesperrt waren und uns eine Schar Chinesen fuchtelnd verbot auch nur von der Hauptstraße abzubiegen. Etwas Niedergeschlagen fuhren wir ein Stück zurück und bogen über den einzig nicht bewachten Feldweg von der Hauptstraße ab. Siehe da, viel besser hätten wir es nicht erwischen können. Kein Eintritt, keine Leute aber dafür eine fast unrestaurierte Mauer. Nach fünf Stunden Wanderung mit einigem auf und ab kamen wir und vor allem die Kinder fix und fertig am Auto an. Die Pizza danach hatten wir uns redlich verdient.



Die eigentliche Abreise mit dem Zug in Richtung Shanghai haben wir dann aufgrund der Panik noch kurzfristig abgesagt. Ebenso unsere Flüge von Shanghai nach Bangkok, welche zu meiner Überraschung komplett kostenfrei storniert werden konnten und so buchten wir einen Flug von Peking nach Bangkok für den Folgetag und genossen noch ein zünftiges Vesper. Shanghai muss dann wohl zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt werden. Das kommt uns aber ganz gelegen, da wir überhaupt noch nichts geshoppt haben 😊.


Nach fast zwei Wochen fiel der Abschied wirklich schwer. Wir werden es vermissen jeden Morgen nach dem Aufstehen so freudestrahlend begrüßt zu werden.

An dieser Stelle nochmal ein fettes Dankeschön an Emmi, Martin, Mio, Zoe und Mats für eure herzliche Gastfreundschaft.


Liebe Grüße

Clara und Max

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