• Clara & Max

Kirgistan! Was? Wo ist das und vor allem was will man da? Berechtigte Frage? Nein!

Google ich wünsche dir von Herzen mit deinem Streetviewkarren mit der bescheuert aussehenden Kameraantenne die vorgeschlagenen Strecken zu fahren, und zwar alle! Dass die Straßen eher Feldwege sind welche mit Schlaglöchern gespickt sind, daran haben wir uns ja gewöhnt aber What the Fuck? „Links uns gleich wieder rechts“ wurde angezeigt, die Leute aus dem „Dorf“ ( 2 Häuser und ein Stall), guckten schon etwas irritiert, als wir abbogen. Bestimmt weil wir Ausländer sind, sagten wir uns. Über eine Brücke, auf der uns eine schicke Mittvierzigerin, mit einer komplett vergoldeten Kauleiste noch zuwinkte, verließen wir nach zweisekündiger Durchfahrt den „Ort“. Nach starken 20 Metern war Schluss und wir entschieden umzudrehen. Der Weg war nicht unbedingt senkrecht, aber mit solchen Steinen gespickt, dass auch wir aufsetzen würden. So mussten wir umdisponieren und einen fast 100 Kilometer Umweg fahren. Während ich dabei war den Bus auf dem engen Weg zu wenden, ohne dabei die Ölwanne an einem der Steine abzureißen, kam ein Motorradfahrer, wie auf rohen Eiern, eben diesen Weg herunter. Den Versuch Ihm zu entlocken, ob das der Richtige Weg sei ignorierte er gekonnt. Als Wiedergutmachen versauten wir ihm dann sein Video, als er seine ankommenden Kameraden filmen wollte und wir ihm eben diese Frage stellten, er aber nicht weg konnte. Karma! :-)

Wie auch der hoch motivierte Beamte in Deutschland kurz vor Feierabend, so freuten sich auch die Angestellten der Bank in Karakol, welche als einzige unser Auto versichern konnten, als wir um 15:58 Uhr, also 2 Minuten vor Schluss, unseren Kopf durch die Türe streckten. Nach einer halben Überstunde hatte die nette Dame dann alle Formulare, mal wieder händisch und ohne Blaupause, in vierfacher Ausführung ausgefüllt. Die Bilanz des Tages: Grenze Kasachstan Kirgistan passiert, KFZ-Haftpflicht 5 Euro, Handykarte „unlimited internet“ für eine Woche 2 Euro und Jonas kam in den Genuss seiner ersten Polizeikontrolle. Mal wieder nichts gezahlt und einen netten Platz am Issyk Kul zum Schlafen gefunden.

Beim Tanken am nächsten Morgen wurden wir gehörig ausgelacht als wir, um Greta Thunberg einen Gefallen zu tun und Sprit zu sparen, noch beschlossen unsere Reifen aufzupumpen. Es gibt an Tankstellen hier keine Luft, denn hier hat jeder, zu jeder Tages- und Nachtzeit seinen Kompressor im Anschlag um den allmorgendlichen geplatzten Reifen aus bester Chinaproduktion und 0,01 mm Profil schnellstmöglich wieder aufzupumpen um pünktlichst gegen Zehn, halb Elf oder auch Mittag, bis in die Haarspitzen motiviert zur Arbeit zu erscheinen. So standen wir da und Jonas pumpte wie Weltmeister mit unserer, von Vati gesponserten Fahrradpumpe, während die Einheimischen sich köstlich amüsierten. Für die gute Unterhaltung bekamen wir allerdings einen neuen gebrauchten Tankstutzen geschenkt. Eine klassische WinWin Situation!

Über den Ortotokoi See, welcher mit niedrigem Wasserstand eingebettet zwischen bunten Bergen eine sensationelle Aussicht für die Mittagspause lieferte, fuhren wir über unseren ersten Pass. Bobby hatte nicht ganz so viel Zug, wie wir es aus der Ebene kannten. Ein unfreiwilliger Stopp, nachdem unsere Elektronik- und Geschirrkisten in einer engen Linkskurve aus dem Regal geschossen kamen und das komplette „Wohnzimmer“ voller Krimskrams lag, stellte den guten vor eine echte Herausforderung um wieder ins Rollen zu kommen. Unserer Kupplung riecht übrigens sehr lecker :-)

Nach einer Nacht neben oder in, so genau lässt es sich nicht abgrenzen, einer Großbaustelle, ging es weiter in Richtung Osch. Über Feldwege mit Wellblech und Schlaglöchern kämpften wir uns die „Abkürzung“ entlang bis wir endlich die Hauptverbindungstrasse von Bischkek nach Osch erreichten. Hier gab es, Gerhard Schröder sei Dank, endlich mal wieder eine Gazprom Tankstelle und wir konnten Bobby eine komplette Füllung reinen Diesels spendieren. Die Tankfüllungen davor sorgten unter Volllast hin und wieder dazu, dass er auch als Nebelmaschine hätte eingesetzt werden können. Die VW Werkstatt würde uns aber einwandfreie Abgaswerte attestierte und das komplett ohne Plakette :-) Nach einem kurzen Einkauf wollten wir ein entspanntes Bierchen (Gastrobedarf 2 Liter Flasche) und ein kühlendes Bad im Toktokul See genießen. Am Ende bekamen wir alle ein schönes Peeling und Bobby eine Schlammmaske. Long Story short: Wir wollten direkt am See parken, das war nicht unsere beste Idee und so gruben wir unsere Hinterräder bis zur Achse in den sandig feuchten Untergrund. Schneeketten, Klappspaten, Treibholz und etliche kleine Büsche halfen uns nach einer guten Stunde dem selbst gebuddelten Loch aus eigener Kraft wieder zu entkommen. Die 200 Meter von uns, mit einem Allrad campenden Franzosen, ließen wir ganz nach dem Motto laissez -faire in aller Ruhe ihren schimmeligen Käse mit Rotwein genießen. Wir wollten das selbst schaffen. Anschließend gönnten wir uns dann das wohlverdiente Bad im See und schliefen fix und alle ein.



Wer lauter schreit, hat recht! So dachte sich der Kassierer an einer etwas dubiosen Mautstation und versuchte uns mit hektischem Gezeter von einem astronomischen Umrechnungskurs zu überzeugen. 5 US-Dollar für ausländische Fahrzeuge waren laut Aushang gefordert, diese waren allerdings in kirgisischen Som zu entrichten, die Umrechnung seiner Forderung in Som zurück in Dollar schwankte zwischen Faktor 3 und 4. Nach geschlagenen 20 Minuten gab er nach und stellte uns unter Fluchen die richtige Rechnung aus.

Gegen Abend kamen wir durchgeschwitzt und Müde bei über 30 °C in Osch an. Jonas mietete sich ein Hotelzimmer. Wir machten einen Termin für Bobby beim Dieselspezialisten Sergej für den nächsten Tag und fielen maßlos überfressen an kirgisischem Essen ins Bett.

„Turbine ne Rabotejet“, sagte Sergej nach 1 Minütiger Diagnose mit Hammer und einem halben Meter Schraubenzieher. Fünf Minuten später hatte der den halben Motorblock zerlegt und uns mitgeteilt wie sollen in ein paar Stunden wieder kommen. Als wir wieder kamen, war fast nichts mehr dort wo es einmal gewesen war und er zeigte uns eine abgebrochene Schraube und ein abgebrochenes Stück Metall, welches dafür sorgt, dass der Turbolader die Luft nicht richtig verdichten kann, da an der abgebrochenen Stelle immer etwas rauspfeifft. Er bekommt das aber hin, er braucht nur weitere vier Stunden. Als wir Abends dann wieder kamen, war er in den letzten Zügen und der Motor schnurrte wie eine Großkatze. Die fehlenden Dichtungen hat er sich selbst irgendwo ausgeschnitten und den Rest irgendwie geschweißt. Auf der Ebene merkten wir nicht viel, allerdings am Berg und in der Höhe hatte er nun endlich wieder mehr Zug. Den Ölwechsel und Austausch des Dieselfilters wollte er am nächsten Tag fertig machen.

Als wir gerade auf dem Basar popkornkauend einem Zehnjährigen dabei zusahen, wie er gekonnt Kuhfüße Pyramidenartig neben abgebrühte Schafsköpfe stapelte, kam die Nachricht von Sergej, „Car ok“. Also schnell zurück damit wir endlich los können in die Berge. Fast beschämt ob des hohen Betrages nannte er auf Nachfrage den Preis für seine Arbeit. 3000 Som für eineinhalb Tage harte Arbeit. Zumindest sahen seine pechschwarzen Hände und Unterarme danach aus. Ich war mir kurz nicht sicher, ob er uns verascht oder mit den Nullen durcheinander gekommen ist. Tri noll noll noll? „Da“ bestätigte er nochmal. Das kann doch nicht sein! „Tri Tysyachi?“ „Da“. 38 € wir konnten es nicht fassen, mehr wollte er nicht. Nur eine Flasche Neidlinger Sauerkirsch, diese nahm er als Geschenk dankend an :-).

Nach einem Großeinkauf im scheinbar einzigen Supermarkt der Stadt, Ja ich weiß „buy local“ aber 120 Liter Wasser vom Basar ohne Einkaufswagen, dafür mit Durchfallgarantie bei 30°C ins Auto zu schleppen muss nicht, fuhren wir los.

Mit vollen Dieselkanistern und einem Liter feinstem Motoröl ausgestattet donnerten wir mir fast 70 km/h die ersten Meter auf der M41 (Pamir Highway) in Richtung Tadschikistan. Unser Nachtlager, welches wir bei fast völliger Dunkelheit noch fanden, war zwar etwas laut aber sehr zweckmäßig. Nachts wurden wir einmal von einem lauten Knall geweckt und wir fragten uns, ob nun Krieg ausgebrochen war, nachdem es aber bei diesem einen Knall blieb, lagen wir entweder falsch oder der Blitzkrieg war schon wieder vorbei. Morgens wurden wir dann von Getrampel und seltsamen Geräuschen geweckt. Vorsichtig spähten wir durch die Vorhänge. Vielleicht sind es ja die im Blitzkrieg kämpfenden Soldaten? Diese waren es dann doch nicht, dafür eine Eselgang welche augenscheinlich in einen Streit geraten war, sodass sie sich mit erstaunlicher Motivation, was ich von den eher trägen und störrischen Tieren bisher nicht kannte, gegen die Köpfe traten und wild umhersprangen. Nach einem ausgiebigen Frühstück in der Sonne bei welchem wir ein paar Kinder beim Wasserholen und Pferde Tränken (nicht ertränken) beobachteten, ging es weiter.



3600 Meter, der erste richtige Pass vor Sarytasch war eher unspektakulär und so kamen wir schon gegen frühen Nachmittag an unserem Schlafplatz an. Zeitlich hätten wir sicher noch weiter können, aber um nicht Höhen krank zu werden, beschlossen wir es bei 3200 Metern über normal Null zu belassen. Über 2000 Meter Höhenunterschied dürften für einen Tag reichen, vor allem mit dem Hintergrund, dass wir die nächsten paar Tage nicht unter 4000 Meter kommen werden. So schlugen wir bei bestem Wetter ein paar hundert Meter abseits der Straße unser Lager mit atemberaubendem Ausblick auf die Berge, an einem ausgetrockneten Flussbett auf und ließen es uns gutgehen.


Der kirgisische Zollbeamte nahm uns am nächsten Morgen die Zollerklärung für Russland ab, welche wir noch dabei hatten, warum weiß keiner war uns, aber auch egal wir konnten endlich dem Kyzyl-Art Pass, der Grenze zu Tadschikistan entgegenfahren, bzw. klettern. Anderseits aber auch ein bisschen schade, denn Kirgistan hat deutlich mehr zu bieten als das was wir in 7 Tagen alles erleben durften. Ein Monat hier würde nicht reichen um alles zu entdecken!

Den gut 1000 folgenden Kilometern durchs Pamir Gebirge werden wir einen eigenen Eintrag widmen.

Liebe Grüße

Clara, Max & Jonas

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