• Clara & Max

Zwischen Osmanen und Tschetschenen. Ein Ausflug nach Georgien.

Wie werden oder wurden Ländergrenzen festgelegt?

Wer entscheidet, dass ab hier ein neuer Abschnitt beginnt und vor allem auf welcher Basis? Hier von Russland über Wladikawkas nach Georgien waren wieder einmal nicht zu übersehende Unterschiede in der Landschaft.

Drei Tage sind wir wieder einmal durch unendliche staubige Weiten gefahren. Ab Tschetschenien ließen sich im Dunst die ersten Hügel erahnen und jeder Meter Richtung Georgien wurde bergiger und steiler.

Die Grenze lag mitten in den Bergen, der Herbst hatte schon Einzug gehalten und die Bäume leuchteten in allen Farben, wobei schon gegen die Mittagszeit langen Schatten in den Tälern lagen und uns frösteln ließen. Zu unserem Glück lag die georgische Grenzstation in der Sonne. Die Einreise lief relativ problemlos, nur Bobby machte uns mehr und mehr Sorgen. Der arme erschien müde und kraftlos, lief unruhig und rettete sich im Standgas jedes Mal gerade noch selbst von dem Absaufen. So hatte unser Gasfuß irgendwann keine Pause mehr, da die 2,5 Liter Maschine permanent bei Laune gehalten werden wollte.

Er quälte sich und wir quälten ihn und das Höhenprofil bis Tiflis sah nicht sonderlich erfreulich für den kränkelnden Boliden aus. Pech gehabt, wärst halt daheim geblieben, da musst jetzt durch!

Auch in Georgien muss wie in Kasachstan eine lokale KFZ-Haftpflicht abgeschlossen werden. Hier gab es im Gegensatz zu Kasachstan sogar ein Büro nur fünf Kilometer hinter der Grenze. Da dieses aber nur georgische Lari nahm und es keinen Geldautomaten gab, tauschten wir russische Rubel zu einem Kurs, für welchen man im Mittelalter sicherlich ausgepeitscht worden wäre. „Monopolstellung und eine bestehende Nachfrage treibt den Preis nach oben“ hatte ich meinen BWL Professor im Ohr und versuchte mich nicht aufzuregen, was mir aber nur mäßig gut gelang. Fünf Euro bei einem Gesamtbetrag von 15 gewechselten Euro als Verlust zu verbuchen hört sich im ersten Moment zwar nicht so dramatisch an, anders ausgedrückt sind es allerdings 33% Wechselverlust oder um es noch etwas zuzuspitzen fünf große, leckerer georgische Bier!


Durch grüne mit orangefarbenen Tupfern durchzogene Täler schlichen wir ratternd gen Tiflis.



Bei einer kurzen Rast neben der Straße fiel uns auf, dass wir das meist fotografierte Motiv Georgiens verpasste hatten. Da wir quasi direkt bis vor die Hütte fahren konnten beschlossen wir umzudrehen und Bobby jaulend im ersten Gang ein paar hundert Meter über enge Serpentinen Richtung Himmel zu treiben. Nachdem ich mehrere der Haarnadelkurven wegen Gegenverkehres auf der Innenseite nehmen musste und ich gerade anfing zu überlegen ab wie viel Prozent Steigung wir nach hinten umkippen würden, kamen wir aus dem letzten Loch pfeifend oben an.

Was für eine Aussicht! Wir blickten auf die auf der Kuppe liegende Dreifaltigkeitskirche, direkt hinter dem alten Gemäuer ging es steil bergab ins grüne Tal und auf der gegenüberliegenden Seite wieder fast senkrecht bis auf über 3000 Meter bergauf. Davor ein Gewusel aus Chinesen, Russen und Busreisenden Rentnern! Träumchen! Aus sicherer Entfernung vom Parkplatz beobachteten wir das Treiben und überlegten, ob wir uns diese Scharen unsrer Lieblinge wirklich antun sollten. Da wir schon da waren, zogen wir hadernd los und nach ein paar Minuten konnten wir sie dann auch endlich hören und riechen. Rotzend und krakeelend drängten sie sich um einen Esel, welcher gar nicht wusste, wie Ihm geschah nun aber sicherlich einmal die Woche zur Therapie darf. Die Kirche wurde überraschender Weise renoviert und die Meter nicht wirklich wert, sodass der Parkplatz völlig ausgereicht hätte. Von diesem und auch vom dahinterliegenden Hügel war der Anblick jedoch jeden Meter wert.



Weiter Richtung Tiflis suchten wir über Stunden vergebens einen Platz zum Schlafen, welcher am morgen direkt von er Sonne aufgewärmt wird. War aber nichts! So fuhren wir durch diverse Skiorte bis wir nach einem kurzen Stopp, um Gleitschirmflieger zu beobachten im schattigen und feuchten Tal einen Platz am eiskalten Fluss fanden. Das war genau das Gegenteil, von dem was wir ursprünglich gesucht hatten aber was solls. Zur Feier des guten Plätzchens schabten wir in schwäbischer Manier Spätzle und genossen diese mit einer herrlichen Pilzrahmsoße.


Beim Besuch einer Kirche, oder Burg, oder Kloster, oder alles zusammen wimmerte es plötzlich herzergreifend und flehend aus den Katakomben des alten Gemäuers. Ich stieg die steile Treppe hinunter in das dunkle Loch nur um nichts zu finden. Keine Minute zurück über Tage ging es wieder los. Dieses Mal zwängte sich Jonas in den kleinen Bunker. Nun stand eine hüfthohe schwarze Braunbär Husky Mischung vor dem Gitter, allerdings außerhalb der Mauer. Während ich noch überlegte, ob das seine Masche ist um Menschen als Futter in das angrenzende Wäldchen zu locken, waren Clara und Jonas schon im Dickicht verschwunden. Nach kurzer Zeit kamen sie mir quicklebendig und mit „Turbo“ im Schlepptau entgegen. Dieser begleitete uns noch auf einem Spaziergang, legte sich um uns zu verteidigen mit einem Rudel noch größerer Hunde an. Daraufhin verschwand er wieder im Gebüsch, aus dem die zwei Ihn „gerettet“ hatten. Scheinbar nur um eine Minute später aus einem Loch in gut zwei Meter Höhe aus der Mauer zu Springen, einmal um uns zu kreisen und quietschfidel im Inneren der Kirche zu verschwinden.

Ciao Turbo.


TURBO!


Der ersten Morgen in Tiflis war etwas stressiger als gedacht. Wir hatten zwar in einer sensationellen Wohnung eingecheckt aber Jonas und ich mussten uns aufmachen eine Werkstatt zu finden. Nachdem wir uns nur zwei Mal verfranzt hatten, konnten wir, entgegen der Einbahnstraße und gegenüber einiges Polizeipostens in den Hof der Werkstatt einbiegen. Diese hatte allerdings nur Reifen und schickte uns zu einem anderen ihrer Standorte. Nach weiteren Umwegen und einer starken halben Stunde teilte dieser Standort uns mit, dass Sie hier nur Ölwechsel machen können. Im Hauptquartier der Werkstätten könne man uns aber sicher weiterhelfen. Hier wurde Bobby tatsächlich kurz angeschaut und es wurde wild auf Georgisch diagnostiziert. Anschließend wurde uns mitgeteilt, dass wenn wir heute einen Termin vereinbaren die Werkstatt frühestens in drei Wochen einen Termin frei hat. „Ja, vielen Dank das hört sich gut an!“

Es liegt wahrscheinlich am Turbolader und wir sollten direkt zu Ford, diese sind nur 500 Meter entfernt und können uns sicher helfen. „Ja sicher“, dachte ich mir aber fragen kostet nichts. Außer Nerven! Als wir dort auf den Hof fuhren, quatschte ich den ersten, wie ein Mitarbeiter wirkenden Typen an. Dieser sprach zu unserem Glück perfektes deutsch und hörte sich unser Problem an. Jackpot! Er redete sofort auf die Monteure und den einsamen Bürotiger ein. Als zweiterer Bobbys Baujahr hörte, verdrehte er nur die Augen und sagte, so vermute ich, „verpisst euch mit der alten Scheisskarre“. Mittlerweile hatte ich auch kapiert, dass Schago überhaupt nicht hier arbeitet und er nur seinen Kollegen abholt, dessen Auto scheinbar das richtige Baujahr für die feinen Herren der Ford Werkstatt hatte. Nichtsdestotrotz sollte er noch zu unserem Retter werden. Er telefonierte kurz und geleitete uns im Anschluss mit Blaulicht durch die Gassen der Hauptstadt zu einem vermeintlichen Dieselspezialisten. Dieser war entweder nicht da oder hatte keine Lust oder ein anderes Problem, so genau hatte ich das nicht verstanden, auf jeden Fall mussten wir in die nun sechste Werkstatt des Tages. Ein Herr etwas älteren Jahrgangs streifte nach kurzer Erläuterung von Schago seinen grauen Mantel über, bewaffnete sich mit einem selbst gebogenen Haken aus drei Millimeter starkem Draht, einer abgesägten Flasche mit ein paar Schläuchen und nahm sich Bobby an. Er zog und drückte wie verrückt an Teilen, die sich laut ihm im Normalfall bewegen sollten, stellte ein paar Fragen, welche Schago zum Glück übersetzte und stellte fest, dass der Turbo falsch eingestellt war. Hier lag aber nicht das Problem fügte er noch hinzu. In Windeseile hatte er die Dieselpumpe teilweise demontiert und pumpte bei laufendem Motor den Kraftstoff mittels der Schläuche durch seine abgesägte Flasche. Er diagnostiziert schnell, dass wir in Wladikawkas wohl „s***** russischen Diesel“ getankt hatten und wir schleunigst guten georgischen Diesel in EUR Güte nachtanken sollen. Des Weiteren ist ein Sensor hinüber dies kann zwar zu einem Problem führen muss aber nicht, er würde einfach fahren und hoffen, dass es bis in die Türkei hält. Ab dort könnten wir uns zur Not mit dem Schutzbrief abschleppen lassen.

Wir überlegten wie wir uns bei unserem Retter erkenntlich zeigen konnten da dieser leider arbeiten musste und keine Zeit mehr hatte. Auf meine vorsichtige Frage, ob er Alkohol trinkt, fing er nur an zu lachen und fragte „welcher Georgier trinkt nicht?“. So überreichte ich Ihm eine große Flasche Jägermeister, um seine Deutschen Wurzeln zu stärken.


„Park kurz da hin, ich komme gleich wieder“, sagte ich zu Jonas und rannte über die Straße um eine Kleinigkeit zu Essen zu holen. Als ich die vierspurige Straße überquert hatte, stand schon die Polizei da und redete auf Jonas ein. „Selbst schuld! Was parkt er da auch so doof hin, muss er jetzt selbst mit klarkommen“ dachte ich und drehte mich weg. Obwohl neben uns noch ein fetter SUV stand, bekamen nur wir einen Strafzettel, wofür ist noch unklar, aber für die 3 Minuten die wir dort Standen mit 3 Euro auch nur bedingt dramatisch. Andererseits sind das auch wieder drei Bier!


Nach einer kurzen Stärkung in der Wohnung machten wir uns auf das wirklich schöne aber bergige Tiflis zu Fuß zu erkunden. Nichts war von den erwarteten Sowjetbunkern zu sehen, überall Kirchen Fachwerk und Burgen. Abgesehen von einer seltsam Glasbrücke wirkte es fast wie im Mittelalter. Mit der Gondel fuhren wir der Aussicht entgegen und wurden nicht enttäuscht. Von der Burgruine hatten wir einen super Blick über die Stadt und genossen den Sonnenuntergang bevor wir ohne jeglichen Hunger, Dank unseres Mittagssnacks in ein georgisches Restaurant einkehrten.


Wir bestellten zwei Salate Auberginenröllchen, georgischen Brot mit Käse und Ei, gefüllte Teigtaschen, Pilze mit Familie (was in diesem Fall Kartoffeln waren) und Hähnchen in Walnusssoße. Falls wir danach noch Hunger haben bestellen wir nochmal nach sagten wir uns. Fakt ist, wir hätten 3 Tage davon essen können. Einer der Salate hätte schon für zwei Personen als Hauptspeise ausgereicht. Der Kellner lachte als er unsere angsterfüllten Blicke sah als er wieder und wieder in der Küche verschwand und jedes Mal mit einem noch größeren und noch volleren Teller als der Vorherige hervorkam. Wir hatten uns auf unserer Reise schon oft etwas überfressen aber dieser Abend toppte alles. Nicht einmal der zwischen 70 und 90%ige, so genau kann man das nicht sagen, Selbstgebrannter konnte die Situation entspannen. So quälten wir mit unseren Vorräten in die gut zwei Kilometer entfernte Wohnung.




Über gut ausgebaute Straßen und ohne stotternden Motor erreichten wir am kommenden Tag Vardsia. Eine in den Felsen gehauene und vollausgestattete Höhlenstadt für ehemals 50.000 Bewohner in über 3.000 Wohnungen erwartete uns. Bei einem Erdbeben sind leider über die Hälfte der Wohnungen zerstört worden. Bei einer Führerin von zwei Holländern schnappte ich auf, dass es in den Höhlen Bäcker, Kirchen, Friseure, Weinmanufaktur, Schneider gab und ich bin mir ziemlich sicher auch Bierbrauer verstanden zu haben. Letzterer war leider nicht mehr da, von den anderen hat man mit viel Fantasie noch etwas erkennen können. Alles in allem einen Ausflug wert zumal wir auf der gegenüberliegenden Seite einen Schlafplatz mit Aussicht auf die komplette Stadt hatten.



Auf dem Weg nach Batumi wählten wir die kürzere aber schlechtere Strecke über einen Pass. Viel war im Internet über diese Strecke nicht zu finden. In einigen Foren warnten allerdings ausnahmslos alle vor den schlechten Straßen und dass diese ohne Allrad unmöglich befahrbar sind. Das lassen wir uns nicht entgehen! Pünktlich zur unbefestigten Ruckelpiste setzte auch der notwendige Regen für „unbefahrbare“ Strecken ein. Wir warteten allerdings bis heute auf den nicht befahrbaren Teil der Strecke. So schön wie in den Foren zu lesen, war es leider nicht. Das einzige, was noch zu erwähnen wäre ist der eiskalte Wind, der über den Pass und an uns vorbeipfiff und am eiskalten Morgen die Wolken durchs Tal trieb.



Beim Spülen an einem kleinen Brunnen am Straßenrand kam, kaum dass wir gehalten hatten ein adrett in Polo by Ralph Lauren, Timberland Stiefel und Jeans mit Loch am Knie gekleideter Georgeier daher und erzählte uns irgendwas auf Georgisch. Wir haben natürlich kein Wort verstanden. Hinter Ihm her, kamen zwei etwas dreckige und verwildert wirkende kleine Mädels, seine Töchter. Eine davon fing postwendend an zu heulen und wir verteilten erstmal Bonbons, um die Tränen etwas zu trocknen. Während er uns die Story vom Pferd erzählte, immer noch auf Georgisch, trottete auch seine hochschwangere und ebenso wie die Kinder zerzaust wirkende Frau daher. Auf dem arm nochmal ein kleines Mädchen. Alle standen Sie einfach da und schauten uns zu. Er wie auf dem Weg zum legeren Businesslunch mit Kunden auf dem Golfplatz, der Rest der Familie wie Ronja Räubertochter. Er sprang mit seinen sauberen Stiefeln plötzlich durch den Matsch stieg in ein vorbeifahrendes Auto und war weg. Die Mädels schauten uns noch einige Minuten zu bevor sie auch den Rückzug antraten.

Seltsame Begegnung!


Ladung wurde ausreichend gesichert!

In Batumi angekommen quartierten wir uns stilecht am Straßenrand hinter einem „Einkaufzentrum“ ein und gingen erstmal ein lecker georgisches Käsbrot schnabulieren mit vollen Bäuchen quälten wir uns gegen später noch an die Promenade.


Sowjetische Hinterhofromantik, unser Schlafplatz in Batumi

Batumi das Miami des Ostblocks, am Schwarzen Meer gelegen beeindruckt mit einem Flair welcher ohne Probleme als das uneheliche Kind von Las Vegas und Bottrop durchgehen könnte. Eine Promenade mit Palmen und Blick auf einen grau und scheinbar im Umbau befindlichen Steinstrand. Dahinter ragen Betonklötze in dem verschiedensten Formen und Farben trist schillernd aus dem Boden. Je weiter wir liefen desto schicker wurde es und es schrubbtten sich immer mehr bunte und tiefergelegte Sportwagen in Form von 3er BMWs einen Teil ihrer Frontschürzen den Schlaglöchern auf. Um den Abend ausklingen zu lassen, nahmen wir den Aufzug bis in 130 Meter Höhe um vom Aushängeschild der Promenade den Blick über die Skyline und einen Cocktail zu genießen. Die Aussicht war eher Bescheiden da die Scheiben den Spiegeln in den Toiletten in nichts nachstanden und wir somit nur den Ausblick auf unsere Gegenüber (Jonas :-)) und die Getränke genießen konnten.


Als wir am darauffolgenden Tag an einem Notarbüro vorbeischlenderten entschlossen wir uns glücklicherweise Jonas noch eine beglaubigte Vollmacht auszustellen um Bobby im außereuropäischen Ausland ohne mich als Fahrzeughalter bewegen zu dürfen. Ohne diese wären wir schon an der nächsten Grenze in die Türkei aufgeschmissen gewesen. Für umgerechnet 30 € bekamen wir innerhalb von zwei Stunden eine beglaubigte und ins türkisch übersetze Vollmacht und wir konnten uns in Richtung der wenige Kilometer entfernten türkischen Grenze aufmachen. Nach einer entspannten Nacht an einer gut befahrenen Straße mit Meerblick checkten wir aus Georgien aus. Jonas mit Bobby und Clara und ich zu Fuß.

Ob es Döner gab und wohin und das Christkind die Geschenke bringt erzählen wir euch im nächsten Eintrag.


Liebe Grüße


Clara & Max



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